BRIEFE SCHREIBEN


 

Es muss Mitte der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen sein als mich die allererste E-Mail einer Freundin ereilte, die für unbestimmte Zeit in die USA gegangen war. Ein Telefongespräch zwischen den Kontinenten erforderte zur damaligen Zeit noch ein gut gefülltes Portemonnaie und die Luftpost benötigte eine Woche Zeit, um einen gewöhnlichen Brief zwischen Absender und Empfänger zu befördern.  Welch  Aufsehen erregte da doch die Übertragung einer Nachricht ohne Zeitverzögerung, einhergehend mit dem Öffnen des digitalen Dokumentes  durch einen einzigen Mausklick.

Noch mehr als diese technische Neuerung verblüffte mich als Empfänger allerdings, dass beim Lesen des Textes damit keinerlei vertraute Emotionen einhergingen. Es gab weder Haptik noch Optik oder Akustik – und schon gar nichts Olfaktorisches, das mich betören konnte.

Nichts, was einen Hauch von Fernweh, von Sehnsucht nach realem Nah sein verkörperte.

Das alles ist nun 20 Jahre her. Gewöhnt habe ich mich inzwischen an die schnelle digitale Kommunikation. Durchaus nützlich ist sie für zeitraubende Schriftsätze mit Ämtern, Banken und Geschäftspartnern. Doch die Attribute, die ein Brief aufweist, kann eine Email wohl niemals ersetzen. Ihre Wirkung ist gegen seine sehr flach. Wird sie doch niemals alle Sinne reizen, sondern durch die genormten Buchstaben immer nur den Verstand ansprechen können.

Es herrschen also großartige Zeiten für Briefeschreiber.

Denn die Verblüffung beim Empfänger, in diesem nach Aufmerksamkeit süchtigen neuen Jahrhundert, ist dem Verfasser gewiss.

Doch ist das Handwerk des Briefe Verfassens eine umfangreiche Kunst.

Da wollen zunächst entsprechendes Papier und die passende Tintenfarbe erwählt werden. Nicht zuletzt muss der Verfasser sich zuvor in eine Stimmung begeben haben, die Schöpferisches zu Tage fördern wird. Das alles ist sehr individuell. Dafür gibt es keine digitalisierten Normen.

Ja, ein echter Brief zelebriert die Kommunikation regelrecht und erfordert daher ausdauernde Aufmerksamkeit. Das richtige Umfeld will zuvor geschaffen werden; eine Tasse Tee oder ein Glas Wein, ein intimer Lichtstrahl im halbdunklen Raum, ein knisterndes Kaminfeuer, ein sich Einschwingen auf ein intimes Rendezvous mit der eigenen Innerlichkeit.

Während der Schreiber schließlich die Füllerspitze mit seiner Hand über das – bestenfalls personifizierte Briefpapier führt und dabei hoffentlich Grammatik und Rechtschreibung abseits der Autokorrektur beherrscht, ist er ausschließlich mit den Gedanken konzentriert beim Empfänger. Das sind Produktionsbedingungen, die nur aus dem eigenen Ich geschaffen werden können.

Quasi Manufaktur par excellence. 

Könnte es sogar sein, dass Briefeschreiben eine nähere Kommunikation zulässt als so manches Dinner im Kerzenlicht?

Reflektion des Du & Ichs, durch die Abwesenheit des geschätzten Empfängers überhaupt erst begünstigt. Und nicht zu vernachlässigen ist die gewählte Ausdrucksform bei der Offenbarung einer Erkenntnis, die durch Abstand gereift ist. Bestenfalls ergibt sich somit ein ganz eigener Kommunikationsstil zwischen zwei Menschen, der die Umgangsformen definiert.

Wer mit der Hand schreibt, verrät sich.

Die Handschrift ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Ein korrigiertes, gar durchgestrichenes Wort ärgert jeden Verfasser und lässt den Empfänger gelegentlich über die verborgenen Gedankengänge des Absenders nachdenken. Ein Gedankenspiel mit dem, was zwischen den Zeilen geschrieben werden sollte, dann aber verschwiegen wurde.

Nachdem das Kunstwerk vollendet wurde, wäre da noch das kunstvolle Falten des Papierbogens, das sorgfältige Hineinschieben in ein mit Seidenpapier gefüttertes Kuvert, ohne es zu beschädigen.

Zu guter Letzt ist dann auch noch die Wahl der passenden Briefmarke zu treffen; soll sie etwas über den Zeitgeist, die Jahreszeit, über den Absender oder lieber den Empfänger aussagen? Oder soll sie einfach nur farblich zum gewählten Brief Ensemble passen?

Nachdem der Brief endlich zur Beförderungsstelle gebracht wurde, beginnt das Warten auf eine ersehnte Reaktion des Empfängers. Hin und wieder erwartet der Absender aber auch keine Antwort. Manchmal möchte er sich einfach nur etwas von der Seele schreiben.

Bestenfalls eine stilvolle Liebesbekundung auf Reisen schicken, mit der Sicherheit der Intimität durch das verfassungsrechtlich garantierte Briefgeheimnis.

Solange das Öffnen eines Briefes schnelleres Herzklopfen ermöglicht als das Anklicken einer Email, stehen die Chancen gut, dass dieser Lebensstil der Kommunikation nicht ausstirbt.

Kürzlich las ich, dass der Bundespräsident im Jahre 2015 etwa 28.000 Briefe und 8.000 Emails von Bürgern erhalten habe. Das Verhältnis stimmt zuversichtlich. Wenngleich sich die Frage eröffnet, warum ein den meisten Verfassern nicht persönlich bekannter Bundespräsident scheinbar mehr Anlass dazu gibt einen Brief zu schreiben, als es uns die persönlich liebsten Menschen wert zu sein scheinen.

Briefe

E-Mails

Die Erhaltung des Briefeschreibens hat nichts mit Nostalgie an sich zu tun. Vielmehr etwas mit einer verlorengegangenen Wertschätzung gegenüber dem möglichen Empfänger.

Wäre es nicht an der Zeit, im Zeitalter der digitalen Revolution und der schier unerschöpflichen Geschwätzigkeit im Netz, in der es oftmals darum zu gehen scheint, wer die größte Aufmerksamkeit erhaschen kann, der stilvollen Kommunikation mehr Raum zu geben?

Vielleicht liegt gerade hierin die Ironie, dass weniger, dafür aber personifizierter heute mehr wert ist.