Ludovico Einaudi


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was macht eine Frau nun am nächsten Morgen mit den Blumen, die Sie ihr zuwarfen, nachdem der letzte Ton verklungen war? An einem – wieder einmal – bewegenden Abend in der Philharmonie.

Sie wirken berauschend, betörend schüchtern und herrlich unnahbar. Und das, obwohl Sie Ihrem Publikum mit Blicken und Worten wenig Beachtung schenken. Etwas irritierend ist diese Attitüde schon. Dennoch nimmt Ihnen das Publikum in ausverkauften Sälen diese Marotte nicht übel. Denn Ihr Kunsthandwerk wirkt allein für sich. Voller Liebe und Aufmerksamkeit für die eine Sache namens Musik.

Sie sagten einmal, Sie wollen mit Ihren Kompositionen in die Zuhörer eindringen. Ich habe sie schon an Hotelpools, in den Eiswüsten und beim Gestalten von Romanen, besonders gern auch beim Spaziergang am Meer bei mir gehabt. Die Wellen rauschten dabei gleich energetischer.

Sie begleiten mich quasi immer dann, wenn ich fühlen und nicht denken will.

Wer kein Filmliebhaber ist, kennt Sie womöglich nicht. So liegt meine erste Begegnung mit Ihrer Kunst auch erst fünf, sechs Jahre zurück. Ich war über irgendetwas wütend und wusste nicht so recht weiter. Für einen Moment setzte ich mich in einen Sessel, während aus dem Radio Klaviertöne klangen. Am Ende dieses Stückes entstand eine fürs Radio ungewöhnlich lange Pause, an deren Ende die Moderatorin selig Ihren Namen hauchte. So etwas hatte sie bisher höchstens bei Claudio Abbado getan. Dieses Flüstern machte mich dann umso neugieriger. Und so ging ich auf die Suche nach dem, was Sie antreibt, um mit dem Ergebnis dann Ihre Zuhörer zu verzücken.

Wie Ihr Landsmann Claudio Abbado, der nie viele Worte verlor, stattdessen lieber die Musik sprechen lies und in der Stille dem Schnee beim Fallen zuhörte, so sind auch Sie ein Musiker, der schon in der Stille vor dem Ton weiß, was Ihr Publikum sucht. Und es gibt sich Ihnen hin.

Ludovico Einaudi – Elegy for the Arctic

Credit: © Raul Alajeos / Greenpeace

Voller Vorfreude auf jedes neue Stück. Weil es sich auf Sie verlassen kann, knistert die Luft noch vor dem ersten Ton, das ganze Konzert hindurch.

Seither habe ich viele Ihrer Konzerte besucht, einige, wie das in der Arena von Verona oder das an der Amalfiküste leider bisher verpasst. Ich hoffe jedoch, dass eine nächste Gelegenheit noch kommen wird, eine klangvolle Sommernacht in Ihrer Heimat mit Ihre Kunst erleben zu können.

Ich hörte, die sogenannte Klassik Szene vermeidet, Ihr Wirken zu kommentieren. Es gibt dort ja einige gefallene Engel. Nur wurde die Frage, ob sich das vorherige Leben in der Klassikwelt überhaupt in einem himmlischen Paradies abgespielt hat, bisher unzureichend beantwortet.

Ich mag Minoritäten. Denn sie sind es, die Andersartiges erst zulassen. Zudem ist jemand, der die Konzertsäle auf allen Kontinenten zu füllen vermag, ja nicht beliebig austauschbar.

Es wird also seinen geheimnisvollen Grund haben, warum Sie es mit Ihren ungewöhnlichen, tiefen und ruhigen Kompositionen beständig schaffen. Neben der Ruhe werden ihre Kompositionen doch zugleich von einer vorwärts drängenden Energie getrieben, als ginge es darum, dem eigenen Empfinden endlich genug Lebensraum zu geben. Die ganz großen Themen werden durch sie abgearbeitet; Leben und Tod, Liebe und Hass, Leidenschaft und Melancholie.

Ihre so vollzogene Verdichtung der Themen, ihr Fingerzeig sagt mir, dass es im Leben immer ums Wesentliche gehen sollte. Niemals Verschwendung der eigenen Lebenszeit für Banalitäten zuzulassen.

Ja, der so aufgebauten Energie durch Ihre Werke, kann sich vermutlich kaum jemand, der sich darauf einlässt, entziehen.

Und danach lieber Ludovico? Am Ende lassen Sie uns alle beseelt und aufgewühlt zurück.

Die Wirklichkeit erscheint nach jedem Konzert wohl nicht nur mir fader als zuvor.

Wenn es mir gelingt, an das Konzerterlebnis anzuknüpfen, trägt mich Ihre Musik bestenfalls durch den gesamten Zeitraum eines zu schreibenden Romans. Inspirierend ist dabei ganz besonders die Langsamkeit, die Sie verkörpern. Gebündelte Energie in „Slow Motion“, die zugleich vorwärts schiebt.

Längst sind Sie weiter geflogen. Zu einem der ungezählten nächsten Konzerte. Weit weg von hier werden Sie schon bald in einem anderen Saal die Zuhörer betrunken spielen.

Was bleibt, sind Ihre mir geschenkten Blumen. Sie werden jedoch recht bald schon verwelken. Meine Bereitschaft, mich immer wieder von Ihnen in den Rausch eines Sehnsuchts-und Zufluchtsortes gleichermaßen verführen zu lassen, wird hingegen nie vergehen.

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