DRESDNER CHRISTSTOLLEN


Was könnte jemanden dazu verführen, bereits am Morgen des 24. Dezembers in aller Stille ein ganz intimes, hoffentlich noch viele Jahre währendes Ritual zu zelebrieren?

Während der erste Kaffee des Tages in die Tasse läuft, stehe ich andächtig vor der vertrauten blau weißen Schatulle. Neben goldenen Lettern ziert sie eine geschäftige Szenerie vor historischer Kulisse, die an die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens erinnert. Wäre da nur nicht die beleuchtete Frauenkirche im Bild.

Vorsichtig entferne ich das Siegel und bemühe mich dabei, das Seidenpapier nicht zu zerreißen.

Schnell sind eine Scheibe mit Mandeln und eine weitere mit Rosinen herunter geschnitten, mit Teller und  Kaffeetasse in den Händen gleich zu meinem Lieblingsplatz am Fenster – und dann!

Ja, dann kommt der Moment, der mich alle zwölf Monate verlässlich zurück in das Reetdachhaus meiner Kindertage trägt. Hin zu einer Zeit in den Siebzigern, als es weder Orangeat, noch Zitronat zu kaufen gab und die Großmutter doch immer wieder auf abenteuerlichen Wegen an diese unverzichtbaren Zutaten gelangte. Bereits lange vor dem Weihnachtsfest knetete sie den Teig für diese Köstlichkeit um ihn anschließend in ein Leinentuch gewickelt, im kühlsten Raum des Hauses wochenlang ruhen zu lassen.

Schon der heraus strömende festliche Duft ist so unwiderstehlich, dass er mich des Alltags enthebt. 

Während der restlichen 52 Wochen im Jahr gab es indes nur den Stollen für arme Leute; ein Butterbrot mit Zucker, das mich jedes Mal beim Reinbeißen sehnsüchtig an Weihnachten denken ließ.

Der echte Christstollen ist einst als Fastengebäck im Mittelalter entstanden. Der Papst sandte vor über 500 Jahren seine Einwilligung zu gehaltvolleren Zutaten in seinem sogenannten „Butterbrief“ an die Bäckerszunft der Elbestadt.  Seither wird diese Handwerkskunst verlässlich an die nächste Generation weitergegeben.

Als ich zuletzt hörte, dass die Zukunft der Konditorei in Gefahr wäre, deren Stollen ich gerade heiligspreche, hat mich der Gedanke sehr aufgewühlt.

Der Glaube an das Christkind oder den Weihnachtsmann scheint unerschütterlich. Eine Kindheit ohne diese Figuren ist selbst für Atheisten nicht vorstellbar. Ich möchte mir ein Erwachsenenleben ohne diese delikate Dresdner Köstlichkeit aber ebenso wenig vorstellen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es noch ungefähr 130 Dresdner Stollen Bäcker.

Am Neujahrstag entdecke ich auf dem inzwischen nur noch mit Krümeln bedeckten Seidenpapier noch eine Notiz ganz anderer Couleur. Fast ein wenig demütig kommt sie in kleineren Buchstaben daher. Der Konditor meiner Wahl ist neben Erzeuger des übermächtigen „Dresdner Christstollen“ auch noch „Einziger Karl-May-Brot-Hersteller Deutschlands“.

Nachdem Winnetou alias Pierre Brice leider von uns gegangen ist, sollte ich vielleicht in den verbleibenden 52 Wochen einmal von jenem Brot kosten, bevor es möglicherweise auch noch vom Aussterben bedroht ist. Denn auch Brot aus hochwertigen Zutaten und mit Hingabe gebacken, kann eine Delikatesse sein. Doch das ist dann eine andere Geschichte.

Was also können die Anhänger des „Dresdner Christstollen“ tun, damit diese Tradition nicht untergeht?

 Schreiben Sie mir!

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